Reeder positionieren sich zur Rettung der Nord LB
Gemeinsam mit der Interessengemeinschaft Harener Reeder e. V. und dem Reederverein Unterelbe e. V. hat der Reederverein Ems-Dollart ein Positionspapier zur aktuellen Situation der Norddeutschen Landesbank entwickelt:

Präambel:

Die Norddeutsche Landesbank (Nord/LB) sowie die durch Fusion mit der Nord/LB verschmolzene Bremer Landesbank (BLB) zählen neben regionalen Genossenschaftsbanken seit Jahrzehnten zu den wichtigsten und maßgeblichen Finanzierungspartnern für die maritime Wirtschaft in Niedersachsen und damit auch für die Reedereien der Ems-Achse in Leer, Haren(Ems) und Emden sowie im „Alten Land“ bis Cuxhaven.

Die prekäre wirtschaftliche Lage der Nord/LB im Bereich der eigenen, sowie durch Fusion übernommenen Schiffskredite hat mehrere Ursachen:

  1. Aufgrund der durch die als Folge der Finanz- und Wirtschaftskrise entstandenen weltweiten Schifffahrtskrise und der dadurch verursachten Einnahmeausfälle konnten zahlreiche Kredite nicht planmäßig getilgt werden und sind nach mehrjährigen Tilgungsausfällen als„Non-Performing-Loans“ (NPL) zu führen, wodurch eine erhöhte Eigenkapitalunterlegung durch die Bank notwendig ist.

  2. Da die Marktwerte der finanzierten Schiffe überwiegend auf der Grundlage aktueller Einnahmen und ohne künftige Verbesserungsperspektiven ermittelt werden (Ertragswertansatz) sind infolge der marktbedingt gesunkenen Einnahmen auch die den Krediten als Sicherheiten unterliegenden Schiffswerte deutlich gesunken. Dies hat pauschale sowie individuelle Wertberichtigungen im Kreditbuch zur Folge, die ebenfalls eine Belastung des haftenden Eigenkapitals der Bank verursachen.

  3. Die Bank ist zur Absicherung gegen eine bilanzielle Überschuldung und zur Abwehr einer drohenden Abwicklung daher zu signifikanten Kapitalmaßnahmen gezwungen. In diesem Zuge sind neben einer Kapitalerhöhung seitens der Gesellschafter der Bank (Länder und Sparkassen) auch eine drastische Reduzierung des Kreditbuches für Schiffskredite durch den Verkauf von Darlehenspaketen (Loan-Sale) an Finanzinvestoren sowie die sukzessiveAbwicklung von Finanzierungen (Ablösung, bzw. „Abbaubank“) geplant, bzw. teilweiseschon realisiert.

Situation / Maßnahmen / Ursachen:

Aus Sicht der Reedereiwirtschaft ergeben sich aus der aktuellen Situation und den möglichen Handlungsszenarien der Bank eine Reihe von dramatischen Gefahren und Risiken, die in der Folge nicht nur die Existenz einzelner Reedereibetriebe, sondern die gesamte mittelständisch geprägte Struktur der niedersächsischen maritimen Wirtschaft nachhaltig und dauerhaft gefährden könnte. Auf diese strukturellen Risiken hinzuweisen und zugleich konstruktive Vorschläge zu unterbreiten, ist Intention dieses Papiers.

  1. Loan-Sales an Finanzinvestoren:

    Der Verkauf von Schiffskrediten an Finanzinvestoren entlastet zwar die Bankbilanz von den Risiken zusätzlicher oder zukünftiger Wertberichtigungen für das Kreditbuch der Schiffskredite. Die Bank realisiert damit jedoch die bisher aufgelaufenen Verluste in vollem Umfang und verliert endgültig die Chance auf eine Fortsetzung der in vielen Segmenten bereits eingesetzten Werterholung (siehe Charterraten-Verlauf und Indizes). Der Finanzinvestor zahlt nur einen Bruchteil (i.d.R. < 50%) der bestehenden Darlehensforderung und erhält damit das vollständige Upsite-Potenzial. Für die Reedereiwirtschaft ändert sich aus einem Verkauf bestehender Kredite die rechtliche Situation zunächst zwar nicht, da die bestehende Darlehensverträge weiter bestand haben.Da es sich jedoch zumeist um „NPLs“ handelt bzw.um Kredite „im Default“, kann der neue Darlehensgeber (künftig ein Finanzinvestor) die Darlehen grundsätzlich jederzeit fällig stellen und damit einen Verkauf der Schiffe z.B. im Rahmen einer Zwangsversteigerung auslösen. Für den Finanzinvestor kann ein solcher Zwangsverkauf bereits wirtschaftlich lukrativ sein, wenn der Verkauf eine höhere Rückzahlung erwarten lässt, als für den Kauf desDarlehens („Haircut-Quote“) gezahlt wurde. Dabei werden bei derartigen Finanzinvestoren möglichst kurze Laufzeiten, bzw. schnelle Investitions-Rückflüsse (also in diesem Fall möglichst frühe Schiffsverkäufe) in der Regel präferiert. Kreditkunden können unter Umständen eigene Finanzierungen mit einem Aufgeld auf den Ablösebetrag durch Refinanzierung herauslösen.

    Da der Finanzinvestor in jedem Fall einen Gewinn realisieren will und muss, die Ablösung aber nicht über Marktwert erfolgen kann, ist eine solche Transaktion allerdings nur dann realistisch, wenn das Darlehen (innerhalb des Paketes) zuvor unter dem Marktwert übertragen wurde und jetzt zum Marktwert abgelöst werden kann. Damit würde ein möglicher Ertrag zu Lasten der Bank und zu Gunsten des Finanzinvestors realisiert.

  2. Abbaubank: Die Reduzierung des Schiffsportfolios durch Übertragung der Kredite auf eine„Abbaubank“ („Bad Bank“) nach dem Vorbild der vormaligen HSH Nordbank(„Portfoliomanagement A.ö.R.“) und ein anschließend sukzessiver Abbau der NPLs bewirkt ebenfalls eine sofortige Verringerung des Kreditbuches unter Realisierung von Verlusten zu Lasten der Bank-GuV. Der maßgebliche Unterschied zum Loan-Sale ist allerdings, dass derAbbau „wertschonend“ erfolgen kann, da künftige Upsite-Potenziale noch realisiert werden können.

Für die Kreditkunden hat dies den signifikanten Vorteil, dass über Übergangs- und Ablösestrategien gemeinsam mit branchenfachlich versierten Bankberatern individuellverhandelt werden kann. Es müssen keine kurzfristigen Transaktionen „um jeden Preis“umgesetzt werden. Das Risiko ist begrenzt, gleichzeitig aber die Chance auf eine gewisse Wertaufholung erhalten.

3. Ursachen und Entstehung der Bilanzkrise der Nord/LB: Neben den durch die BLB- Fusion angewachsenen Risiken sind auch ursprünglich eigene Kredite der Nord/LB von Ausfällen und Wertberichtigungen betroffen. In den 40 Jahren vor der Schiffahrtskrise dürfte das Portfolio der Schiffskredite jedoch fast ununterbrochen mit zu den besten und stabilsten Ertragsbringern der Bank gehört haben. Die tatsächlichen Schiffskreditausfälle in dieser Zeit dürften - mindestens bei Kreditnehmern der deutschen Reedereiwirtschaft - wenn überhaupt vorhanden, dann deutlich unterhalb des Durchschnitts gelegen haben. In den 1990er Jahren hat die Nord/LB (sowie in geringerem Umfang auch die BLB) ihre Kreditvergabe für Schiffskredite deutlich ausgeweitet und dabei in großem Volumen auch Projekte internationaler Kunden finanziert. Dies ist im Sinne eines diversifizierten Kreditbuches als teilweise sicher richtig anzusehen. Gleichwohl haben in der Krise vor allem mittelständischen Reedereien in signifikantem Umfang ihre Schiffsgesellschaften durch Verzicht oder Stundung von vertraglichen Vergütungen oder zusätzlichem Eigenkapital gestützt. Dies dürfte in gleichem Umfang bei den maßgeblich vom Finanzmarkt getragenen Reedereien nicht der Fall gewesen sein. (Verkürzt: die maßgeblichen Kreditausfälle der Nord/LB sind nicht überwiegend durch ihre niedersächsischen Kreditnehmer verursacht worden, auch wenn diese sich der Krise natürlich auch nicht entziehen konnten.) Somit muss heute bei der Ursachenanalyse, vor allem die erhebliche Ausweitung des Kreditgeschäfts an internationale Kunden (mit eigenen Repräsentanzen der Bank in u.a. Singapur etc.) kritisch hinterfragt werden.

4. Geschäftsmodell der Nord/LB: Die Reedereiwirtschaft erkennt ausdrücklich die Notwendigkeit an, dass die Nord/LB als wichtige Geschäftsbank am Bankplatz Niedersachsen erhalten werden muss. Ein künftiges Geschäftsmodell einer grundlegend sanierten und auf Effizienz und Ertragskraft ausgerichteten Bank sollte dabei über die Rolle des Spitzeninstituts der Sparkassen hinausgehen.

5. Lösung mit dem Kunden: Dabei sollte es unbedingt geschäftspolitisches Ziel sein, dass einer Lösung unter Marktbedingungen jedoch im Einvernehmen mit dem bestehenden Kunden stets Vorrang eingeräumt wird. Dies ist vor dem Hintergrund der erheblichen betriebswirtschaftlichen Risiken, die durch den Wechsel der Bereederung (sowie damit einhergehend ggf. dem Risiko des Verlustes bestehender Beschäftigungen aufgrund einschlägiger und branchenüblicher Klauseln in den Charterverträgen) entstehen, in der Regel auch im ureigensten Interesse der Bank. Dies gilt selbstverständlich immer und ausnahmslos nur bei absolut gleichwertigen und marktüblichen Konditionen. Dabei müssen die vorgenannten Risiken jedoch unbedingt beachtet und eingepreist werden. Eine Präferenz für externe Lösungen, die vor allem auf dem Volumen der Transaktion basiert, verlagert signifikante Risiken auf die Bank und ist stets zum Schaden für die regionale Reedereiwirtschaft.

6. Strukturpolitische Bedeutung: Die Nord/LB hat als Geschäftsbank keinen eigenen strukturpolitischen Auftrag. Jedoch kann eine geschäftspolitische Ausrichtung unter Wahrung von betriebswirtschaftlichen Zielen durch die Gesellschafter der Bank beeinflusst werden. Der Erhalt der mittelständisch geprägten maritimen Wirtschaft in Niedersachsen mit ihren erheblichen Effekten durch etwa 30.000 direkt sowie 100.000 indirekt beschäftigte Mitarbeiter, ca. 400 Mio. Euro Steuern und Sozialabgaben in Deutschland und einem Anteil am Brutto-Inlands-Produkt von ca. 10 Mrd. Euro rechtfertigen eine ausreichende Würdigung auch angesichts zwingend notwendiger Maßnahmen zur künftigen Ausrichtung der Bank.

7. Tragfähige Geschäftsbeziehung: Die Bank ist angesichts der derzeitigen Lage und aktueller Herausforderungen besonders gefordert, den Gesellschaftern tragfähige Handlungsoptionen anzubieten. Dies führt auch im täglichen Kreditgeschäft zu konzeptioneller und strategischer Ungewissheit. Dies erschwert es den Kunden massiv, selbst eine konstruktive und wirtschaftlich sinnvolle Lösung zu erarbeiten. Die Reedereibetriebe werden vielfach durchaus in der Lage sein, Refinanzierungen zu strukturieren, die der Bank zu wirtschaftlichen gleichen Bedingungen ebenfalls zum gewünschten Ziel verhelfen. Dafür sind jedoch besonnenes Vorgehen sowie Verlässlichkeit, Verschwiegenheit (gegenüber Dritten) und Vertrauenswürdigkeit die maßgeblichen Faktoren einer jeden Geschäftsbeziehung.

Vor diesem Hintergrund ergeben sich folgende Handlungsempfehlungen:

  1. Unbedingter Verbleib der Nord/LB im Markt für Kreditfinanzierung vonHandelsschiffen (Neubauten und „Second-Hand“-Tonnage) inkl. marktüblichem Neugeschäft auch bzw. insbesondere für kleine und mittelgroße Reedereikunden

  2. Sofern ein weiterer Abbau des NPL-Portfolios notwendig ist, sollte die Übertragung an eine Abbaubank mit geschäftspolitscher Vorgabe eines wertschonenden mittel- bis langfristigen Abbaus z.B. durch Kooperation mit der PM Portfoliomanagement A.ö.R. zur bestmöglichen Ausnutzung von Synergien erfolgen.

  3. Geschäftspolitische Präferenz für Lösungen mit dem Kunden zu marktüblichen Konditionen und unter tatsächlicher Würdigung bestehender Risiken. Diese Lösungen könnten durch die Gewährung von Landesbürgschaften im Rahmen der Ablösefinanzierung erheblich unterstütz werden.

  4. Gewährung von Landesbürgschaften für Finanzierung von energetischen Verbesserungen und/oder regulatorisch notwendigen Nachrüstungen von Handelsschiffen bei nachgewiesener wirtschaftlicher Tragfähigkeit Etablierungeines „maritimen Koordinators“ im MW zur Gewährleistung einesregelmäßigen Austauschs zwischen der maritimen Wirtschaft in Niedersachsen und der Landesregierung



Im Folgenden ein Kommentar zur selben Thematik vom VDR-Präsident Hartmann:


„Wir haben heute schmerzhaft Klarheit über den künftigen Kurs der Nord/LB gewonnen. Die Landesbank hat wie andere auch über viele Jahre mit Schiffskrediten viel verdient. Jetzt, nachdem dieses Geschäft nicht mehr funktionierte, müssen Reeder, die alles andere als allein schuld an den Herausforderungen sind, über Gebühr dafür büßen, wenn die Bank einen Ausverkauf ihrer Schiffskredite um jeden Preis forciert.“

„So sehr wir sehen, dass ein Neuanfang für die Nord/LB nötig ist: Wer sich als verlässlicher Partner des Mittelstandes, fest verwurzelt in seiner Heimatregion, positionieren will, der kommt in Norddeutschland nicht um die maritime Wirtschaft herum. Sonst werden dem Verlust von Arbeitsplätzen in der Nord/LB noch viele weitere Jobs in den mittelständisch geprägten Schifffahrtsunternehmen etwa im Emsland, Ostfriesland oder dem Alten Land folgen. Wir fordern deshalb, dass der begonnene Kreditabbau erheblich stärker von gesamtwirtschaftlicher Vernunft geprägt wird. Es müssen individuelle Lösungen mit Reedereien gesucht werden, um den Schifffahrtsstandort Deutschland zu erhalten und zu stärken. Gerade die öffentlich-rechtlichen Banken haben eine Verantwortung für die Wirtschaft in ihrer Region. Ich erwarte, dass sie dieser Verantwortung auch gerecht werden.“